Hilfe, ich mag meine Stimme nicht! Warum das keine Charakterschwäche ist und was Du dagegen tun kannst

Der Charakter Deiner Stimme: Klangfarben und Timbre

Kennst Du das? Du siehst Dir einen ausländischen Film mit einem Schauspieler an, den Du gerne magst (den Schauspieler). Und die ganze Zeit denkst Du: da stimmt doch was nicht! Auf einmal wird Dir klar: der Kerl hat diesmal eine andere Synchronstimme! Und irgendwie gelingt es Dir nicht mehr, den Film zu genießen…

Das ist nicht verwunderlich, denn wir verbinden den Klang einer Stimme unmittelbar mit der Person zu der sie gehört. Der Stimmklang einer vertrauten Stimme kann beruhigen und gibt Sicherheit. Wenn eine Person auf einmal mit einer völlig anderen Stimme spricht (wie eben dieser Schauspieler), fühlt sich das an als hätte er mit seiner Stimmfarbe auch seine Persönlichkeit verändert, als könnten wir uns auf seinen Charakter nicht mehr verlassen. Das irritiert enorm!

Wie aber kann es sein, dass wir Stimmen so gut voneinander unterscheiden und bestimmten Personen zuordnen können?

Dein Timbre – Deine natürliche Stimmfarbe

Wir alle haben ein sogenanntes Grundtimbre. Das ist die Eigenschwingung unserer Stimme.  Hier, sagt man, wird die Seele des Sprechers hörbar. Das Timbre entspricht der natürlichen Stimmfarbe und ist sozusagen der Charakter unserer Stimme. Dein Timbre unterscheidet Deine Stimme von allen anderen auf der Welt, denn deine natürliche Stimmfarbe ist einzigartig.

Verantwortlich für Deine unverwechselbares Stimmfarbe ist die anatomische Beschaffenheit Deines Stimmapparates: der Mund- und Rachenraum, die Nasennebenhöhlen, sogar die Zahnstellung, die Zungengröße und die Form der Lippen spielen hier eine Rolle. Da dies in seiner Gesamtheit bei jedem von uns ein klein wenig anders ausfällt, klingen auch keine zwei Stimmen beim Sprechen exakt gleich.

Nun klingt aber auch Deine Stimme nicht immer gleich!
Das liegt an den Klangfarben, mit denen Du spielen kannst.

Die 1000 Farben Deiner Stimme

Unsere Stimme ist formbar und flexibel. Wir können mit ihr die unterschiedlichsten Geräusche erzeugen und so beim Sprechen (und noch mehr beim Singen) mit verschiedensten Klangfarben spielen.

Unterschiedliche Klangfarben entstehen, wenn wir z.B.

  • die Stellung des Kehlkopfes verändern (hoch oder tief)
  • unsere Kehle weiten oder verengen
  • die Nasennebenhöhlen öffnen oder verschließen
  • die Position der Zunge verändern (z.B. locker oder angespannt, Zunge vorne oder hinten)
  • die Lippen unterschiedlich formen
  • den Kiefer weit öffnen oder eher geschlossen halten

Übungstipp

Achte mal beim Anhören verschiedener Sprecher, darauf, was sie mit ihren Sprechwerkzeugen (Zunge, Kiefer, Lippen etc.) genau machen, um so zu klingen, wie sie klingen. Das schärft Dein Gehör und hilft Dir, die Klangfarben Deiner eigenen Stimme besser einzuschätzen.

So viel zu anatomischen Grundlagen. Aber wir dürfen nie vergessen: Gerade beim Sprechen bilden wir die meisten Klangfarben unbewusst, denn Klangfarben vermitteln immer Emotionen.  (Mehr zum Thema Klangfarben und Emotion findest Du ihn Heikes Artikel)

Gerade deswegen sind sie so wichtig! (Jeder kennt wahrscheinlich die Situation, dass man als Kind bereits am Klang der Stimme, mit der die Mutter den eigenen Namen gerufen hat, erkannt hat, ob man gleich Ärger bekommt…). Die natürliche Stimmfarbe ändert sich also mit der Stimmung und mit den Emotionen.

Der Klang einer Stimme mit ihrem persönlichen Timbre, also ihrer natürlichen Stimmfarbe und ihren unterschiedlichen Klangfarben spiegelt Deine Persönlichkeit: Dein Temperament, Deinen Körperbau, Dein (ungefähres) Alter, Deine Tagesform usw.

Und wenn ich meine Stimme nicht mag?

Wenn Du deine Stimme nicht magst, heißt das glücklicherweise nicht zwingend, dass Du ein Problem mit Deiner Persönlichkeit hast. Viele Menschen mögen den Klang ihrer Stimme nicht und meistens hat das ganz banale Gründe:

1. Gewohnheit

Obwohl wir oft den ganzen Tag Sprechen, nehmen wir unsere Stimme und ihre Stimmfarbe dabei meist nicht bewusst wahr. Wenn wir dann in einer Situation sind, in der wir lauter sprechen (z.B. beim Sprechen vor einer Gruppe), sind wir irritiert, weil wir es nicht gewohnt sind unsere Stimme zu hören.

Ein Weg, die eigene Stimme lieben zu lernen liegt also schlichtweg darin, sich mit ihrem Stimmklang vertraut zu machen. Das heißt im Klartext: laut (!) Sprechen und Hinhören. Wichtig dabei: das Hinhören!

Gewöhne Dich langsam an den Klang Deiner Stimme, indem Du sie einfach bewusster wahrnimmst! Sei dabei neugierig und offen und versuche nicht gleich zu bewerten, was ein „schöner Stimmklang“ ist und was nicht.

2. Der Konflikt zwischen innen und außen

Ein anderes Phänomen: Du magst Deine Stimme nur auf Aufnahmen nicht (z.B. Seminarmitschnitte oder auf dem Anrufbeantworter)? Das liegt daran, dass der Klang deiner Stimme, den Du während des Sprechens hörst, tatsächlich anders ist, als die Stimmfarbe auf der Aufnahme.

Wir dürfen nicht vergessen, dass beim Sprechen unser „Instrument“ innerhalb unseres Körpers liegt. Dieser verstärkt die außen hörbaren Schallwellen, die aber im Körperinneren produziert werden. Was wir „von innen“ hören, klingt dadurch weicher und etwas abgedämpfter. Und nicht zuletzt vertrauter, weil wir uns so ja immer hören. Dieser „Weichzeichner“ fällt weg, wenn wir uns bei Aufnahmen hören – dann hören wir unsere Stimmfarbe, wie sie im Außen klingt – und das kann ungewohnt bis unangenehm sein. Mach Dir aber klar: andere Menschen hören Deine Stimme immer so! (und rennen wahrscheinlich trotzdem nicht schreiend davon 😉)

Auch hier gilt also: Gewöhne Dich an dein Timbre – indem Du öfters Aufnahmen machst und diese (mit Offenheit und Neugierde!) immer wieder anhörst.

3. Du sprichst nicht in Deiner optimalen Sprechstimmlage

Für jede Stimme gibt es einen bestimmten Tonbereich, in der sie am freiesten und entspanntesten klingt. In der sich die natürliche Stimmfarbe perfekt entfalten kann. Das ist die Lage, in der alle Resonanzräume optimal genutzt werden und der Kehlkopf locker bleibt. Hier fühlt sich das Sprechen mühelos an und der Sprecher selbst wirkt entspannt. Es kann ganz unterschiedliche Gründe geben, warum jemand diese optimale Sprechstimmlage verlässt. Die meisten davon geschehen unbewusst. Frauen sprechen gerne zu hoch (oft steht hier der unbewusste Wunsch dahinter, zu gefallen und „ungefährlich“ zu erscheinen) und Männer häufiger etwas zu tief (in dem (Irr)glauben, so Kompetenz und Durchsetzungskraft zu vermitteln). Ein anderer Grund für ein „Verrutschen“ der Stimme kann schlicht Stress sein. Bei Lampenfieber etwa stehen wir unter körperlicher Anspannung. Davon bleibt auch der Kehlkopf nicht verschont und die Stimme rutscht nach oben. Das Resultat: Du hast das Gefühl, dass Deine Stimme irgendwie nicht gut klingt.

Um dies zu vermeiden gibt es eine einfache Stimmübung, mit der Du ein Gefühl für Deine optimale Sprechstimmlage bekommst und sie bei Bedarf auch dorthin zurückbringen kannst. Du findest sie hier:

Der Weg zur geliebten Stimme

Jede Stimme hat ihren eigenen Charme und wirkt auf bestimmte Menschen anziehend (und auf andere eben nicht). In unserem Kulturkreis bevorzugen wir tiefere Stimmen, sowohl bei Frauen als auch bei Männern, in Japan ist das Gegenteil der Fall. Vor allem aber mögen wir Stimmen, die echt klingen! Wenn ein Sprecher mit sich im Reinen ist und gelernt hat die naturgegebenen Stärken und Vorzüge seiner natürlichen Stimmfarbe zu nutzen, wird er fast automatisch vertrauenswürdig und anziehend auf seine Zuhörer wirken.

Wie fast alles im Leben ist auch dies ist ein (Lern)prozess. Was Deine Stimme von Natur aus an Potential mit sich bringt und wie Du diese Stärken ausbauen und entwickeln kannst, kannst Du lernen! (Zum Beispiel in unserem Kurs „Dein Weg zur Stimmfreiheit“.)

Wichtig bei all dem ist, dass Du ehrlich, vor allem aber liebevoll zu Dir bist. Die Auseinandersetzung mit der eigenen Stimme und ihrer ganz persönlichen Stimmfarbe ist immer auch eine Auseinandersetzung mit der eigenen Persönlichkeit und individuellen Talenten und Veranlagungen. Das ist eine große Chance! Du hast, wenn Du Dich mit Deiner Stimme beschäftigst, neben all der Freude am Klingen, Tönen und Sprechen auch eine grandiose Möglichkeit, Dich selbst besser kennenzulernen. Und je genauer Du Dich kennst und je vorbehaltsloser Du Dich akzeptierst, umso besser kannst Du zu Deiner Stimme und ihrem Timbre stehen und Freude an ihr haben. Und: umso authentischer wirkst Du auf Deine Zuhörer.

Autorin: Angela Hack